17.11.2017

Deutscher Turntag - Zukunftsaufgaben der Turnbewegung

Rede DTB-Präsident Dr. Alfons Hölzl beim Deutschen Turntag am 4.11.2017 in Bruchsal zu Aufgaben und Zielen für die Amtsperiode 2017-2021

 

Liebe Mitglieder des Turntags,

die Stadt Bruchsal scheint eine enge Verbindung zu den Zukunftsaufgaben des DTB zu haben. Am 20. April 1991 fand in den Stadtmauern von Bruchsal eine Tagung des DTB-Verbandsrates statt – man beachte – unter Hinzuziehung der hauptamtlichen LTV-Geschäftsführer. Der Bericht im Verbandsmagazin „Deutsches Turnen" (Mai 1991) trägt den Titel „Wegmarken für die Zukunft".

Und in der Tat sind die Parallelen verblüffend: Damals war Jürgen Dieckert gerade ein paar Monate im Amt, der neue Generalsekretär (Hans-Peter Wullenweber) erst wenige Wochen. In einem Grundsatzreferat präsentierte Jürgen Dieckert seinerzeit seine „Vorwärtsstrategie" für die Zukunft des Deutschen Turner-Bundes.

Diesem Beispiel folgend, möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen, die Aufgaben und Herausforderungen der Turnbewegung aus heutiger Sicht darzustellen:

1. Kultur der Zusammenarbeit

Wir sind gestartet mit dem Ergebnis der Arbeitsgruppen Aufgabenwahrnehmung und Aufgabenumsetzung! Auch wenn es hochtrabend kling: Wir haben uns den „Aufbruch in eine neue Zeit" vorgenommen. Wir wollen die Kultur der Zusammenarbeit im DTB neu beleben. Wir haben damit begonnen bei unseren DTB-Arbeitstagungen im Herbst 2016 und Frühjahr 2017: mit Transparenz, mit intensiven, mit offenen Diskussionen einerseits und der Einrichtung von Arbeitsgruppen mit konkreten Aufträgen andererseits. Dabei appelliere ich an euch, die Kultur der Zusammenarbeit als wechselseitige Aufgabe zwischen dem Deutschen Turner-Bund und den Landesturnverbänden zu leben! Ich freue mich, dass bereits jetzt ein neues Selbstverständnis der Kommunikationskultur und der Zusammenarbeit zwischen den Landesturnverbänden und dem Bundesverband spürbar wie auch sichtbar ist und sich schon jetzt an konkreten Ergebnissen festmachen lässt. Ein Ergebnis ist die unter unmittelbarer Beteiligung von fünf Landesturnverbänden erarbeitete notwendige Weiterentwicklung der unterschiedlichen Verbandsverwaltungssysteme hin zu einem zukunftsfähigen IT-System für die gesamte Turnbewegung.

2. Digitalisierung

Digitalisierung als Zukunftsaufgabe ist derzeit in aller Munde. Auch bei uns. Für uns bedeutet dies vor allem, Schritt zu halten mit den technischen Neuerungen und entsprechende Serviceleistungen für eine moderne Verbandsarbeit zu bieten. Wir müssen Datenbanken und Softwarelösungen zusammenführen und die Handhabung bei unseren Online-Aktivitäten dem aktuellen Standard anpassen. Dies betrifft Anmeldung und Verwaltung bei Aus- und Fortbildungen, bei Wettkämpfen und Veranstaltungen, bei der Wettkampfabwicklung und dem Ergebnisdienst. Nach meiner Überzeugung müssen wir das professionelle Zusammenspiel zwischen Vereins-APP, Turnfest-APP und digitaler Verbandsverwaltung als riesengroße Chance unserer Verbandsentwicklung nutzen!

Und dies gilt auch für die dringend erforderliche Modernisierung unseres Passwesens für die Teilnahme an Wettkämpfen. Hier hinken wir derzeit noch den digitalen Möglichkeiten hinterher. Dies hat uns die Präsentation bei der Arbeitstagung im Frühjahr 2017 deutlich vor Augen geführt. Unsere Konsequenz ist die Neuaufstellung hin zum digitalisierten Passwesen! Damit bin ich angetreten und dafür stehe ich! Die konkrete Projektausarbeitung erfolgte durch Landesturnverbände im engen Schulterschluss mit dem Bund. Auch das ist ein Beispiel für unsere neue, verzahnte Kommunikationskultur. Zum 1.1.2019 wollen wir damit starten. Die Vorentscheidungen dazu treffen wir gemeinsam an diesem Wochenende. Ein wichtiger Effekt der Digitalisierung des Passwesens ist auch die Gewinnung von Einnahmen für die Länder und den Bund. Und das ist gut so! Glaubt mir, der Weg ist alternativlos! Ich weiß, dass sich Viele, gerade diejenigen, die dem Wettkampfgeschehen in der Praxis nahe stehen, sich große Sorgen machen. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Wir werden alle aus der Umstellung gestärkt hervorgehen! Dabei wird die Umstellung auch der fachlichen Arbeit im DTB und in den Ländern zugutekommen, gerade auch zur Unterstützung des Ehrenamts.

3. Finanzielle Sicherung

Es ist klar und hier wiederhole ich mich: Die überfällige Umstellung des Passwesens dient auch der Finanzierung des Verbandes! Dabei gilt: Die Finanzierung der Zukunft des Verbandes ist für uns essenziell. Nach einem Jahr als Präsident dieses Verbandes sage ich euch, dass es ein „Weiter so!" nicht geben kann. Das Gesamtkonzept der Digitalisierung des Passwesens mit den damit einhergehenden Einnahmen habe ich als alternativlos bezeichnet. Es ist daher selbstredend, dass ich meine Wiederwahl – soweit ihr mich wählt –, aber auch mein anschließendes Verbleiben im Amt mit der Einführung des neuen Passwesens, welche am morgigen Sonntag der Hauptausschuss auf der Agenda hat, verbinde. Es ist kein Geheimnis, dass der Deutsche Turner-Bund seit Jahren monetär gefesselt ist. Auf viele weitere Jahre wird der Bundesverband ein enges Finanzkorsett tragen 3

müssen. Und um alle Hoffnungen zu nehmen: An eine Senkung des Mitgliedsbeitrages, wie in 2011 bis 2016 beschlossen, ist deshalb perspektivisch nicht zu denken. Dies macht auch der Abschlussbericht der AG Aufgabenwahrnehmung von 2015 deutlich, die den DTB gründlich durchleuchtet hat. Auch deshalb müssen wir weiter unsere Hausaufgaben machen und uns neu aufstellen. Daran soll insbesondere das zukünftige Präsidium arbeiten! Die neue Führungskultur und die Inhalte der Zukunftsaufgaben müssen sich insbesondere in unseren Organisationsstrukturen widerspiegeln. Dabei gilt die Prämisse: Die Strukturen folgen den Inhalten und nicht umgekehrt! Anders ausgedrückt: Die Strukturen haben dienende Funktion, entscheidend kommt es auf eine effiziente Realisierung unserer Inhalte an! Darauf komme ich später nochmals zu sprechen.

Im Folgenden möchte ich zentrale Punkte herausstellen, mit denen wir uns in der vor uns liegenden Amtsperiode des Präsidiums befassen wollen.

Als Vielspartenverband zeichnet uns die Vielfalt aus! Diese fordert uns, macht uns aber zugleich einzigartig im deutschen Sportsystem. Von uns allen, dem Parlament der deutschen Turnbewegung, wird erwartet, dass wir bei unseren Entscheidungen die Vielfalt im Blick behalten. Das bedeutet: Wenn wir Entscheidungen treffen, dann dürfen wir Schwerpunkte setzten, aber niemals das große Ganze aus dem Blick verlieren!

4. Turnfeste

Das große Ganze, unsere Vielfalt, spiegelt sich einfach wunderbar bei unseren Turnfesten – egal ob auf Kreis-, Gau-, Bezirks-, Landes- oder Bundesebene – wider! Wir haben dieses Jahr ein wirklich schönes und erfolgreiches Turnfest gefeiert! Für mich ist die bleibende Botschaft: Wir haben uns gezeigt und uns haben die Turnfestteilnehmerinnen und Turnfestteilnehmer gezeigt, dass Turnfeste hochaktuell und zeitgemäß sind! Aus der großen Zahl an Veranstaltungen in unserem Land ragen wir mit unserem aktiven, fröhlichen und friedlichen Veranstaltungskonzept in einzigartiger Weise heraus! Es ist unsere Aufgabe, Turnfeste zu bewahren und weiterzuentwickeln!

5. Turnfest Leipzig 2021

Das Internationale Deutsche Turnfest 2021 in Leipzig wird für dessen weitere Entwicklung ein wegweisender Zwischenschritt sein. Dabei werden wir mit veränderten Rahmenbedingungen umgehen müssen. Dies sind beispielsweise

  • veränderte Anforderungen der Zuschussgeber,
  • eine kürzere Veranstaltungsdauer,
  • ein neuer Termin – statt der Pfingstwoche ein langes Brückentagswochenende, wie wir es von Landesturnfesten kennen.
  • Aber auch Änderungen in der Organisationsstruktur mit den Trägerschaften Verein Deutsche Turnfeste (VDT), DTB und Organisationskomitee müssen diskutiert werden.

Alles in allem wird die Organisation des Turnfestes 2021 eine erheblich größere Herausforderung werden als bisher. Schließlich wollen wir in Leipzig ein begeisterndes Turnfest mit einer großen Zahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern feiern. Damit wird das erreichen, haben die Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer der Landesturnverbände beschlossen, gemeinsam mit dem Bund und dem OK des Internationalen Deutschen Turnfests 2021 schon in 2018 eine gemeinsame Arbeitsgruppe mit Landesbeauftragten aus jedem Landesverband zur Erarbeitung von gemeinsamen Konzepten zu gründen. Das ist ein Novum und ein weiteres greifbares Ergebnis der neuen Kultur der Zusammenarbeit, worüber ich mich außerordentlich freue. So schaffen wir es, die Kraft der Turnbewegung zu entfalten und die Zukunft zu gestalten!

6. WM Gerätturnen 2019 in Stuttgart

Zwei Jahre vor dem nächsten Turnfest haben wir mit der Weltmeisterschaft im Gerätturnen 2019 eine Spitzensportveranstaltung mit großer Öffentlichkeitswirkung vor uns. Sie ist der Qualifikationswettbewerb für die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo. Deshalb können wir sicher sein, alle Top-Turnerinnen und -Turner bei uns zu Gast zu haben. Wir wollen erneut ein guter Gastgeber für die Welt sein. Mit dem Veranstaltungsort Stuttgart und dem Schwäbischen Turnerbund mit seiner hohen organisatorischen Kompetenz im Rücken bin ich sicher, dass uns dies gelingen wird. Mit dieser WM im eigenen Land verbinden wir gleichzeitig zwei weitere Aspekte: Wir wünschen uns die direkte sportliche Qualifikation unserer Turnerinnen und Turner für die Olympischen Spiele sowie die eine oder andere Medaille bzw. herausragende Platzierung für unsere Aktiven im DTB. Wir erinnern uns noch an die unglaubliche Begeisterung bei der WM 2007, als unsere Männer und Frauen die Qualifikation für Peking 2008 schafften und Fabian Hambüchen in der ausverkauften Schleyer-Halle Weltmeister am Reck wurde.

Neben dem sportlichen Erfolg im Gerätturnen wollen wir natürlich die öffentliche Wahrnehmung der Weltmeisterschaften nutzen, um die breite Palette des Turnens in unseren Vereinen – vom Kinderturnen bis zur GYMWELT – in den Fokus zu rücken.

7. Olympische Spiele 2020 in Tokyo

Bei den Olympischen Spielen in Tokyo wollen wir mit unseren Turnerinnen und Turnern an die Leistungen, Erfolge und ebenso an das positive Erscheinungsbild des Turnteams bei den letzten beiden Olympischen Spielen von London 2012 und Rio 2016 anknüpfen. Für dieses Ziel unterstützen wir unser Turn-Team Deutschland mit seinen Trainerinnen und Trainern nach Kräften. Es muss unser aller Ziel sein, die besten Bedingungen in der Vorbereitung zu schaffen. Auf dass die Qualifikation aller unserer olympischen Sportarten gelingt!

8. Turn10

Neben unserem Streben nach Erfolgen im Spitzensport gilt unser Engagement in ganz besonderer Weise der Stärkung der Basis in unserer Kernsportart, dem Gerätturnen! Seit langem beobachten wir eine schleichende Reduzierung des Verbreitungsgrades. Nicht wenige Vereine haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten vom Wettkampfsport Gerätturnen verabschiedet. Auch in den Schulen musste das Gerätturnen oftmals Ballspielsportarten oder Trendsportarten weichen. Andererseits stellen wir fest, dass überall dort, wo Gerätturnen gekonnt vermittelt wird, der Zulauf ungebremst ist. Unsere Antwort muss neben einer verstärkten Lehrtätigkeit, einer Traineroffensive, besonders im Angebot eines niederschwelligen Einstiegsprogramms liegen. Mit der Übernahme des österreichischen Erfolgsprogramms „Turn10" sagen wir einer weiteren Schwächung im Gerätturnen den Kampf an. Wir wollen mehr Menschen den Zugang zum Gerätturnen eröffnen! Wir wollen Vereine zurückgewinnen! Wir wollen es den Schulen leichter machen, Kinder und Jugendliche von unserem traumhaft schönen Angebot zu begeistern! Ich appelliere deshalb an euch: Macht mit!

9. Vereinsentwicklung GYMWELT

Einen solchen Appell richte ich gleichermaßen an euch hinsichtlich der GYMWELT! Der Schwerpunkt der Angebote in unseren Turnvereinen und Turnabteilungen liegt im Bereich der GYMWELT. Hier werden wir weiterhin unsere Dienstleistungen für die Vereinsentwicklung ausbauen. Wir werden aktuelle Trends im Turnen und in der Gymnastik aufgreifen und für die Vereine aufbereiten. Dabei wollen wir auch neue, zum Teil kommerzielle Märkte der Sportentwicklung für uns erschließen. Mit euch, den Landesturnverbänden, sehen wir unsere Aufgabe darin, die Vereine in ihren Bemühungen zu unterstützen, mit aktuellen und qualitativ hochwertigen Angeboten gegenüber anderen Anbietern konkurrenzfähig zu bleiben. Unsere Landesturnverbände in Baden-Württemberg haben modellhaft gezeigt, wie die Marke GYMWELT für die Bindung der Mitgliedsvereine genutzt werden kann. Diese Kampagne gilt es, weiter auszurollen. Es gilt ferner, die DTB-6

Akademie in den Fokus zu rücken, damit wir uns auch hier im Verbund gegen unsere Mitbewerber mittels Qualität und Ideenreichtum abheben.

10. Offensive Kinderturnen

Dies gilt ebenso für das Kinderturnen. Auf ausdrücklich von den Landesturnverbänden formulierten Bedarf haben wir uns im fachlichen und verbandspolitischen Bereich darauf verständigt, in den Jahren 2017 bis 2021 im Turner-Bund unsere Offensive Kinderturnen als gemeinsame Aufgabe umzusetzen. Die Federführung hat die Deutsche Turner-Jugend übernommen. Für das Präsidium ist die Umsetzung dieses Programms ein Testlauf für die Kampagnenfähigkeit im Deutschen Turner-Bund. Wir haben verabredet, das Kinderturnen auf breiter Ebene als Domäne der Turnbewegung zu platzieren. Kinderturnen soll als vielseitige Bewegungserziehung und Grundlagenausbildung für alle Sportarten gegen eine frühe Spezialisierung auf einzelne Sportarten positioniert werden. Die Serviceleistungen der Turnbewegung für das Kinderturnen vom Verein bis in die Grundschule hinein sollen im Rahmen der Offensive herausgestellt werden. Den Startschuss haben wir beim Turnfest in Berlin gegeben. Nun stehen wir kurz vor dem Tag des Kinderturnens, welcher am kommenden Samstag stattfindet. Seitens des Präsidiums werden wir weitere Maßnahmen zur Unterstützung der Offensive Kinderturnen einleiten. Auch hier müssen wir eng zusammenwirken!

11. Organisations- und Arbeitsstrukturen

Wir stehen vor der Frage, ob wir im organisierten Sport und im Vergleich zu Mitanbietern außerhalb dieser Strukturen effizient genug aufgestellt sind. Dies betrifft die Arbeitsweise von Haupt- und Ehrenamt sowie die Organisation innerhalb der hauptamtlichen Geschäftsstelle des DTB, aber auch die Organisation des Ehrenamtes. Sind die Gremien richtig aufgestellt? Sind die Größen der Gremien sinnvoll? Wäre es nicht sinnvoll, Informations- und Entscheidungswege abkürzen? Sollten Aufgaben in andere Organisationsformen (z.B. eine GmbH) ausgegliedert werden? Können wir so auch neue Märkte erschließen?

In verschiedenen Sportorganisationen um uns herum sind bereits Strukturänderungen vorgenommen worden. Dabei wurden Entscheidungskompetenzen mit entsprechender Verantwortung auf das Hauptamt übertragen. Ich sage nicht, dass wir diese Veränderungen 1:1 übernehmen werden. Dies wird auch gar nicht möglich sein bei unserer breiten fachlichen Aufstellung als Verband für Turnen und Gymnastik. Wir werden weiterhin ein starkes Ehrenamt haben müssen, das ist unverzichtbar. Deshalb müssen wir die Aufgabenzuordnung, die Entscheidungszuständigkeiten und die Organisationsformen in Bezug auf die hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter ergebnisoffen diskutieren, um zu optimierten, professionellen Organisations- und Arbeitsstrukturen zu kommen. Damit werden wir uns in den kommenden Monaten beschäftigen und entsprechende Veränderungen einleiten.

Liebe Delegierte,
um die Vielzahl der genannten Aufgaben bewältigen zu können, bitte ich euch für die antretenden Präsidiumsmitglieder und für mich um euer Vertrauen und eure aktive Unterstützung! Vielen Dank!