PSG - Prävention sexualisierter Gewalt im Sport

Aktuelles und wichtige Informationen

Pressemeldung: Bilanz 10 Jahre „Missbrauchsskandal“

Rörig: „Die Fallzahlen sind unverändert hoch. Die Bekämpfung sexuellen Missbrauchs, dem tausende Kinder jährlich in Familien, Einrichtungen und vor laufenden Kameras ausgesetzt sind, muss in Deutschland endlich als nationale Aufgabe verstanden werden.“

Berlin, 28.01.2020. Heute zog der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, gemeinsam mit Matthias Katsch, Philosoph und Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch e.V., der den sogenannten „Missbrauchsskandal“ am Berliner Canisius-Kolleg vor zehn Jahren maßgeblich ins Rollen brachte, und mit Silke Noack, Sozialpädagogin und Leiterin des bundesweiten „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“, eine kritische Bilanz der bisherigen Anstrengungen gegen Missbrauch in Deutschland. Zum Abschluss der Pressekonferenz stellte die Regisseurin Caroline Link den neuen Spot „Anrufen hilft!“ gegen Kindesmissbrauch vor.

Rörig: „Die Gesellschaft muss erkennen, dass es sich um ein Megathema handelt, das alle angeht. Ich bin immer wieder erschrocken darüber, mit welcher Gelassenheit sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche von Teilen der Gesellschaft hingenommen wird. Tausende Kinder werden jährlich Opfer von sexuellem Missbrauch, sexuellem Mobbing, Cybergrooming oder Kinderpornografie. Missbrauchsabbildungen durchfluten mittlerweile in Terrabyte-Dimensionen das Netz. Wir brauchen klare Ziele, verbindliche Maßnahmen und ausreichend Geld, um Missbrauch aufzudecken und Kinder endlich besser zu schützen.“ 

Zentrales Ziel: Maximale Reduzierung der Fallzahlen

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet jährlich über 20.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch und Missbrauchsabbildungen von Kindern, sogenannte Kinderpornografie. Hinzu kommen tausende Fälle, von denen wir keine Kenntnis haben. „Sexuelle Gewalt kann nur dann wirkungsvoll bekämpft werden, wenn sich alle gesellschaftlichen Kräfte verbünden, um sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche den Kampf anzusagen. Wir brauchen für Deutschland einen Pakt gegen Missbrauch. Einen Pakt für ein gemeinsames großes Ziel: Maximale Reduzierung der Zahl der Fälle von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen“, so Rörig. „Dieser Pakt braucht die uneingeschränkte Unterstützung von allen Bürgerinnen und Bürgern, von Bund, Ländern und Kommunen, den politischen Parteien, der Zivilgesellschaft wie Kirchen, Wohlfahrt, Sport, aber auch des Gesundheitswesens oder der Internetwirtschaft, die alle auf dieses Ziel hinarbeiten.“ Der neue Nationale Rat, das von Bundesministerin Dr. Giffey und Rörig im Dezember 2019 einberufene Spitzengremium aus Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Praxis und Betroffenen, biete eine starke Plattform für diesen Pakt. 

Rörig wiederholte heute seine Forderungen nach

  1. einer programmatischen Verantwortung der politischen Parteien
  2. Stärkung von Beratungs- und Ermittlungsstrukturen und
  3. Ausbau von Prävention und Sensibilisierung der Öffentlichkeit.

 „Ich erwarte eine deutlichere Haltung der Politik. Für mich gehören klare Forderungen, Vorgaben und finanzielle Untermauerung in jedes Parteiprogramm und in jeden Koalitionsvertrag, auf Bundes- und auf Länderebene“, so Rörig. Mit Blick auf Jugendämter, Fachberatungsstellen und Ermittlungsbehörden fordert Rörig eine personelle und finanzielle Stärkung. Zudem müssten alle Ermittlungsinstrumente geschärft werden. Es brauche eine EU-rechtskonforme Vorratsdaten-speicherung, gesetzliche Meldepflichten zu Missbrauchsabbildungen im Netz und in diesem Zusammenhang auch einen gesellschaftspolitischen Diskurs zum Verhältnis Datenschutz und Kinderschutz. Außerdem sollten alle Einrichtungen, denen Kinder anvertraut sind, künftig gesetzlich zur Entwicklung und Anwendung von Schutzkonzepten gegen sexuellen Missbrauch verpflichtet und ihnen hierfür die notwendige Unterstützung zugesichert werden. Rörig: „Wir brauchen eine 100-Prozent-Lösung! Es darf in den kommenden Jahren keine Kitas, Schulen, Gemeinden oder Sportvereine mehr geben, die sich nicht als Schutzorte für Kinder verstehen und entsprechende Präventionskonzepte umsetzen.“ Mit Blick auf die Schulen, dem einzigen Ort, an dem alle Kinder erreicht werden können, hoffe er, dass die Länder ihre Schulgesetze entsprechend ändern. Wer dauerhaft verantworte, dass nichts oder viel zu wenig für Schutz und Hilfe getan werde, laufe in letzter Konsequenz Gefahr, sich dem Vorwurf der Duldung auszusetzen, so Rörig.

Um die Erreichung der Ziele messbar zu machen, brauche es zudem eine regelmäßige Prävalenz- und Wirkungsforschung. „Wir müssen noch viel genauer wissen, wie viele Kinder betroffen sind und welche Wirkung Maßnahmen der Prävention konkret entfalten“, so Rörig. Er hoffe sehr, dass im Rahmen des Nationalen Rates bald eine nationale Forschungsstrategie entwickelt werde.

Matthias Katsch, Betroffeneninitiative Eckiger Tisch e.V., bilanzierte: „Auch zehn Jahre nach der Aufdeckung sexueller Gewalt in zahlreichen Bildungseinrichtungen und einer verstärkten Debatte über Missbrauch von Kindern im Kontext ihrer Familie wird sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche noch immer nicht als zentrale gesellschaftliche Herausforderung für unser Land angenommen. Beide Kirchen haben in den vergangenen Jahren Aufklärung und Aufarbeitung über den Umgang ihrer Institutionen mit Verbrechen ihrer Mitarbeitenden vielfach verschleppt. Erst jetzt beginnen sie, sich ihrer Verantwortung zu stellen und machen sich an unabhängige und umfassende Aufarbeitungsprozesse. Immer noch werden die Opfer eher stigmatisiert, als dass ihnen notwendige Hilfe und Unterstützung angeboten wird. Das Bewusstsein für die „Normalität“ von sexuellem Kindesmissbrauch in unserer Gesellschaft ist zwar – vor allem durch die Hartnäckigkeit von Betroffenen und ihre neu gewonnenen Unterstützer*Innen – gestiegen, aber wir sind institutionell wie als Gesellschaft noch weit davon entfernt, diese Gewaltform in der kommenden Generation zu überwinden.“ 

Mehr Aufklärung und Sensibilisierung

Abschließend forderte Rörig eine breit angelegte Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne. Es sei wichtig, dass offen über das Thema gesprochen werde und Alle Bescheid wüssten. Betroffene berichteten immer wieder, wie häufig vor allem das nahe Umfeld versagt habe, weil Mitwissende weggesehen und nicht geholfen hätten. „Taten verhindern heißt auch, Anbahnungsprozesse von Tätern und Täterinnen und Signale von Kindern überhaupt wahrnehmen zu können.“ Leider habe er bis heute keine Gelder, um eine solche Kampagne umzusetzen.

Mit dem neuen Spot „Anrufen hilft!“ möchte Rörig auf das bundesweite Angebot des „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ (0800 22 55 530) hinweisen und Menschen aktivieren, dort anzurufen, wenn sie sich Sorgen um ein Kind machen. Silke Noack, Leiterin „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“: „Es ist wichtig, dass Menschen aufmerksam werden und sich trauen hinzuschauen, damit sexuelle Gewalt an Kindern aufgedeckt und schneller beendet wird. Viele Menschen aus dem Umfeld von Kindern haben ein komisches Gefühl, wissen aber nicht, was sie machen sollen. Wir bieten Menschen Rat und Unterstützung, die einem Kind helfen wollen oder selbst von sexuellem Missbrauch betroffen sind.“ Am Hilfetelefon arbeiten über 20 psychologisch und/oder pädagogisch ausgebildete Fachkräfte mit jahrelanger Erfahrung in der Beratung und Begleitung bei sexuellem Kindesmissbrauch. Seit Beginn des Hilfetelefons in 2010 wurden über 43.000 Beratungsgespräche geführt. Die Beratung erfolgt bundesweit, kostenfrei und anonym. 

„Anrufen hilft!“

Den Spot „Anrufen hilft!“, bei dem Regisseurin Caroline Link (u. a. „Nirgendwo in Afrika“, „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“) pro bono Regie führte, stellte sie persönlich in Berlin vor: „Zu erfahren, wie viele Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft unter sexuellem Missbrauch leiden, hat mich überrascht und schockiert. Wenn es uns mit dem Spot gelingt, Kindern in dieser beklemmenden Lebenssituation zu helfen, wäre ich sehr froh. Kinder sollen Kinder sein dürfen. Ihre körperliche und seelische Unversehrtheit ist mir ein großes Anliegen.“

Der Spot wird auf zahlreichen TV-Sendern, in Kinos, auf Social Media und auf der gleichnamigen Website zum Spot www.anrufen-hilft.de sichtbar sein. Umgesetzt wurde er von der Claussen + Putz Filmproduktion GmbH und der Agentur ressourcenmangel. 

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Zum Hintergrund: Am 28.01.2010 berichtete die Berliner Morgenpost über Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg. Viele hunderte Betroffene aus weiteren Einrichtungen wie dem Kloster Ettal oder der Odenwaldschule brachen daraufhin ihr Schweigen und lösten damit im Frühjahr 2010 den sog. „Missbrauchsskandal“ aus. In der Folge wurde der Runde Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ der Bundesregierung (2010/11) einberufen und das Amt einer/eines Unabhängigen Beauftragten eingerichtet.

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Informationen, Hilfe- und Unterstützungsangebote: www.beauftragter-missbrauch.de // www.hilfeportal-missbrauch.de (Adressdatenbank mit Hilfeangeboten vor Ort) // Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: Tel. 0800 22 55 530 (kostenfrei und anonym) // www.kein-raum-fuer-missbrauch.de; www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de 

Weitere Informationen zum Spot und zur Arbeit des Hilfetelefons: www.anrufen-hilft.de

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Aufruf an Betroffene, die sexueller Gewalt beim Sport ausgesetzt waren

Meldung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Berlin, 06.05.2019. Sexuelle Gewalt geschieht in allen Lebensbereichen von Kindern und Jugendlichen: in der Familie, in Institutionen, in der Freizeit und auch beim Sport. Sexueller Kindesmissbrauch im Sport ist bisher noch besonders stark tabuisiert. Dadurch fehlt es an Wissen, welche Bedingungen und Strukturen in diesem Bereich Missbrauch in der Vergangenheit ermöglicht oder begünstigt haben, warum sich Kinder nicht anvertraut haben oder wenn doch, warum ihnen nicht geholfen wurde und was Aufarbeitung bisher verhindert hat.

Prof. Dr. Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission: „Im Rahmen vertraulicher Anhörungen und schriftlicher Berichte haben einzelne Betroffene gegenüber der Kommission auch von sexuellem Kindesmissbrauch beim Sport berichtet. Diese Zeugnisse und auch Medienberichte aus den vergangenen Jahren weisen darauf hin, dass es hier einer unabhängigen Aufarbeitung bedarf, die in den Strukturen des Freizeit- und Leistungssports bisher noch nicht ausreichend vorgesehen ist. Gleichzeitig wird berichtet, dass es ehemalige Sportlerinnen und Sportler große Überwindung kostet, über sexualisierte Gewalt zu sprechen.“

Die Kommission möchte weitere wichtige Erkenntnisse gewinnen, damit Kinder und Jugendliche in Zukunft besser geschützt werden können. Darum ruft sie heute erwachsene Betroffene auf, die in Kindheit und Jugend sexueller Gewalt beim Freizeit-, Breiten- und Leistungssport sowie beim Schulsport ausgesetzt waren, von ihren Erfahrungen zu berichten. Die Kommission bietet dafür einen geschützten Rahmen in Form von vertraulichen Anhörungen oder von schriftlichen Berichten.

Alle Informationen zum Aufruf erhalten Interessierte unter www.aufarbeitungskommission.de/sport oder telefonisch unter 0800 40 300 40 (kostenfrei und anonym).

Darüber hinaus sind Betroffene, Zeitzeugen und Angehörige, die von sexuellem Kindesmissbrauch in anderen Bereichen berichten möchten, weiterhin eingeladen, sich bei der Kommission für eine vertrauliche Anhörung anzumelden oder einen schriftlichen Bericht einzureichen.
Weitere Informationen unter www.aufarbeitungskommission.de

Download Aufrufmotive
www.aufarbeitungskommission.de/motive_aufruf_sport

Pressekontakt Kirsti Kriegel Pressesprecherin Postanschrift: Glinkastraße 24, 10117 Berlin Dienstsitz: Kapelle-Ufer 2, 10117 Berlin
Tel +49 (0)3018 555 -1571 Fax +49 (0)3018 555 -41571
kirsti.kriegel@ubskm.bund.de
www.aufarbeitungskommission.de Twitter: @ukask_de
#geschichtendiezählen

Positionierung des DOSB

Zum Aufruf der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland im Kontext Sport

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland startet einen Aufruf im Kontext Sport. Der Aufruf richtet sich explizit an Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexuellem Missbrauch im Sport ausgesetzt waren. Sexualisierte Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem und auch für den organisierten Sport ein wichtiges Thema, weil jeder einzelne Fall einer zu viel ist.

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DOSB und dsj sehen diesen Aufruf als wichtigen Beitrag, damit das noch immer vorhandene Tabu weiter gebrochen wird und Betroffene von sexualisierter Gewalt sich einer unabhängigen Stelle anvertrauen können. Die Geschichten von Betroffenen können auch anderen helfen, sich zu öffnen.

Wir werden die Kampagne deshalb auf unseren Kanälen unterstützen. Wir versprechen uns davon auch weitere Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Prävention von sexualisierter Gewalt im Kinder- und Jugendsport, die bei uns einen hohen Stellenwert hat. Zudem richten wir ebenso den Blick auf den Kampf gegen sexuelle Belästigung und Gewalt im Erwachsenensport.

Der Aufruf entspricht auch dem Anliegen des europäischen Projektes VOICE, in dem wir nationaler Partner waren. Das VOICE-Projekt hat ebenfalls Betroffenen eine Stimme gegeben und so bereits viel Wissen über sexuellen Missbrauch im Sport generiert. Für die weitere Entwicklung des Schutzes vor sexualisierter Gewalt im Sport sind jedoch weitere detaillierte Informationen von Betroffenen wichtig.

Der Sport handelt aktiv bei der Prävention sexualisierter Gewalt und der Aufarbeitung entsprechender Fälle. Bereits 2010 hat der DOSB die Münchener Erklärung verabschiedet, die eine Selbstverpflichtung aller Verbände ist, sich der Prävention sexualisierter Gewalt verstärkt zu widmen. DOSB/dsj beraten die Verbände dabei und stellen Handlungsempfehlungen sowie Kampagnen- und Informationsmaterial zur Verfügung. Als Partner der „Safe-Sport-Studie“ waren wir an der empirischen Untersuchung zum Ausmaß von sexualisierter Gewalt bei Kaderathlet*innen beteiligt. Analysiert wurde hierbei auch die Umsetzung der Prävention im organisierten Sport. Die Ergebnisse haben uns darin bestärkt, dass die bisherigen Maßnahmen richtig und wichtig sind, zugleich aber permanent überprüft und weiterentwickelt werden müssen. Im Bereich des Kinder- und Jugendsports hat die dsj die bisherigen Maßnahmen um das so genannte dsj-Stufenmodell erweitert, das die Weitergabe von öffentlichen Mitteln an die Umsetzung von Präventions-Maßnahmen in einer zeitlichen Taktung koppelt. Im Bereich Leistungssport werden ebenfalls in einem Stufenmodell Mindeststandards von den Verbänden zu Erlangung von Bundes-Zuwendungen verlangt.

Mit dem Anliegen, den Schutz vor jeglicher Form von Gewalt und Diskriminierung, insbesondere sexualisierter Gewalt, dauerhaft in den Sportorganisationen zu verankern, hat die DOSB-Mitgliederversammlung 2018 einen Beschluss gefasst. Das einstimmige Votum der Delegierten für den Antrag ist ein Bekenntnis zur gesamtverbandlichen Verantwortung und sendet ein klares Signal im Kampf des organisierten Sports gegen sexualisierte Gewalt. Unser Ziel ist es, dass mit einer klaren Haltung eine Kultur des Hinsehens in Verbänden und Vereinen gelebt wird, so dass letztlich jeder der mehr als 90.000 Sportvereine unter dem Dach des DOSB ein sicherer Ort ist, der Schutz bietet und stark macht gegen jegliche Form von Gewalt und Diskriminierung. Das ist ein dauerhafter Prozess, zu dem unbedingt auch das Lernen aus der Vergangenheit gehört.

DOSB-Schreiben an die Mitgliedsorganisation

Liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Mitgliedsorganisationen,
wir sind darüber informiert worden, dass die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ in Deutschland im Rahmen ihrer Themenschwerpunktsetzung einen Aufruf an Betroffene aus dem Kontext Sport starten wird. Dieser richtet sich vor allem an Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexueller Gewalt im Sport ausgesetzt waren. Die Kommission hatte be-reits in der Vergangenheit Aufrufe zu Lebensbereichen wie Familie oder Kirche gestartet.

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Der Aufruf für Betroffene aus dem Kontext Sport wird am 6. Mai gestartet und beinhaltet Anzeigen in Tageszeitungen und online-basierte Anzeigen sowie gifs für Webseiten und Social Media, die auf eine für den Sport-Aufruf gestaltete Landingpage verweisen sollen. Von dort führt ein Link zur An-melde-Homepage der UAK (https://www.aufarbeitungskommission.de/anmeldung/).
Der Aufruf wird analog zu den bisherigen Aufrufen völlig unabhängig von DOSB und Deutscher Sportjugend gestartet.

Sexualisierte Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem und auch für uns ein zentrales Thema, weil jeder einzelne Fall einer zu viel ist. DOSB und dsj sehen dieses Angebot einer unabhängigen Stelle als wichtigen Beitrag, um das Tabu weiter zu brechen und erlebte sexualisierte Gewalt einer unab-hängigen Stelle anvertrauen zu können. Die Geschichten von Betroffenen können auch anderen helfen, sich zu öffnen. Wir versprechen uns davon auch weitere Erkenntnisse für die Weiterentwick-lung der Prävention von sexualisierter Gewalt im Kinder- und Jugendsport, die bei uns einen hohen Stellenwert hat. Zudem richten wir ebenso den Blick auf den Kampf gegen sexuelle Belästigung und Gewalt im Erwachsenensport.

Wir halten die Kampagne für wichtig und werden sie deshalb auf unseren Kanälen unterstützen.
Bei der Gestaltung der Motive für die Kampagne hätten wir uns allerdings mehr sportartenunabhän-gige Motive gewünscht, weil unserer Meinung nach der Fokus auf einzelne Sportarten diese stigma-tisieren und andere eher ausblenden könnte. Wir haben darüber mit der Kommission gesprochen,
die aber neben dem allgemeinen auch ihre fünf sportartenspezifischen Motive einsetzen wird.Der DOSB wird ausschließlich das sportartenunabhängige Motiv nutzen.

Wir würden uns freuen, wenn Sie die Kampagne ebenfalls begleiten.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Petra Tzschoppe Jan Holze
Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung DOSB-Präsidiumsmitglied

Wie kommt die PSG in die Vereine?

Welche Wege - mehr Dynamik? 

VTF-Meldung - 04/2019

Die 9 Jahre andauernde Arbeit von DOSB und Deutscher Sportjugend (DSJ) im Bereich Prävention sexualisierter Gewalt im Sport“ (PSG) hat nach Meinung des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs Johannes Wilhelm Rörig bisher zu wenig Früchte getragen.

Trotz nachhaltiger Sensibilisierung, Entwicklung und Verbreitung von Infomaterialien und Leitfäden, Schulungen, Kampagnen, Fachtagungen u.v.m. haben nach Daten der Studie „Safe Sport“ „nur 50% der Sportvereine  Schutzkonzepte zur Anwendung gebracht“. Dies zitiert Rörig im März 2019 vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages und bezieht sich damit auf Daten von 2016.

Ein Instrument, um mehr Dynamik in den Prozess zu bringen, ist das neue sogenannte Stufenmodell der DSJ,  wobei eine Unterstützung mit Fördergeldern im Bereich des Kinder- und Jugendports gezielte Präventionsaktivitäten bedingt.

Unter dem Titel „Prävention im Kinderschutz ist eine Daueraufgabe – diskutiert und kommentiert Jan Holze, 1. Vorsitzender der Deutschen Sportjugend, den aktuellen Status im Bereich der PSG und setzt sich kritisch mit Maßnahmen und Möglichkeiten auseinander.

Zum Artikel - DOSB-News vom 27.03.2019

Mehr zum Thema:

Safe Sport - Prävention und klare Standpunkte verringern Übergriffe im Sport

Die Kampagne des DOSB zeigt Wirkung

VTF-Meldung 02/2017

Vielen sind die Skandale rund um die Odenwaldschule noch in Erinnerung, ebenso die verschiedensten Vorfälle in Kirchengemeinden. Meist dauert es lange, bis solche Übergriffe ernst genommen und an die Öffentlichkeit und vor Gericht gebracht werden. Im Schnitt muss jedes betroffene Kind rund 5 x Mal von einer akuten Situation erzählen bis es auf Gehör stößt und Hilfe erhält. Die Zahlen sind nach wie vor alarmierend: jedes  4. – 5. Mädchen und jeder 7. – 8. Junge wird Opfer von Übergriffen.  75 % der Täter sind dem betroffenen Kind bekannt. Die Umfelder sind unterschiedlichster Art. Dabei bildet der Sport keine Ausnahme, denn Umstände, wie Umkleidesituationen, Hilfestellungen sowie gemeinsame Ausfahrten bieten günstige Gelegenheiten für potenzielle Täter.

Der Begriff „sexualisierte Gewalt“, auf den sich auch der DOSB verständigt hat, beinhaltet neben sexualisierten Gewalthandlungen mit Körperkontakt auch grenzverletzendes Verhalten wie anzügliche Bemerkungen, verletzende Witze und vieles mehr.

In Zusammenarbeit mit der Deutschen Sportjugend und finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung untersucht seit dem letzten Jahr das Projekt „Save Sport“ die Häufigkeit und die Formen sexualisierter Gewalt im Wettkampf- und Leistungssport. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen die oben genannten Zahlen: „ein Drittel der befragten Kadersportler_innen berichtet über Erfahrungen sexualisierter Gewalt“.  Diese Zahlen machen noch einmal deutlich, welche Verantwortung den Sportvereinen obliegt und welche Rolle sie als Impulsgeber für Präventions- und Hilfsmaßnahmen einnehmen können! Denn die Ergebnisse des Projektes zeigten auch auf:

  • In den Vereinen und an den Orten,  wo eine klare Haltung gegen sexualisierte Gewalt sichtbar  und glaubhaft kommuniziert wurde, ist die Gefahr für  junge Sportler_innen und Turner_innen, zum Opfer dieser Gewalt zu werden, deutlich geringer!

Gemessen daran ist jedoch die Nachfrage nach regelmäßigen Schulungen, die die meisten Landesverbände in Zusammenarbeit mit Beratungsstellen anbieten, sehr gering: in nur 9 % der Vereine werden diese Schulungen regelmäßig durchgeführt und nur die Hälfte der Vereine gab an, dass dieses Thema relevant für sie sei.

Die Deutsche Turnerjugend hat mit dem Kinder-und Jugendtelefon ein anschauliches Plakat für die Sportvereine entwickelt, um ein Zeichen zu setzen, gegen die Gewalt im Sport und für eine Kultur der Aufmerksamkeit. Dieses Plakat erhalten Sie kostenlos auf Anfrage in der VTF-Geschäftsstelle.

Interview des Deutschlandfunk zu Missbrauch im Turnen

Sexueller Missbrauch im Turnen
Schwer, darüber zu sprechen

"Fassungslos auf der einen, aber auch abwiegelnd auf der anderen Seite. So äußerte sich Turn-Bundestrainerin Ulla Koch im Dlf über den Fall Larry Nassar und die massiven Fälle sexuellen Missbrauchs im US-Turnen. „Ich glaube, bei uns im System kann uns das nicht passieren“, sagte Koch Anfang Juni. Auf das Gespräch gab es viele Reaktionen....

weiter lesen unter:

https://www.deutschlandfunk.de/sexueller-missbrauch-im-turnen-schwer-darueber-zu-sprechen.1346.de.html?dram:article_id=423018

Das EU VOICE-Projekt

"Das VOICE-Projekt wird von der EU im Rahmen des Programms Erasmus+ gefördert und setzt sich zum Ziel, den Betroffenen von sexualisierter Gewalt im Sport eine Stimme zu geben. Wissenschaft und Sportorganisationen haben die Stimmen von Betroffenen zu lange ignoriert. Nun sollen die Berichte von Betroffenen gehört und aufgearbeitet werden. Dafür werden in allen acht beteiligten europäischen Ländern Interviewstudien mit Personen durchgeführt, die sexualisierte Gewalt im Kontext des Sports erlebt haben. Im Anschluss werden organisierte Hearings der Betroffenen realisiert. Dazu arbeiten Universitätspartner, nationale Sportverbände und unabhängige Opferschutzorganisationen in jedem beteiligten europäischen Land zusammen. Das finale Ziel des zweieinhalbjährigen Projektes ist die Entwicklung von Empfehlungen und Informationsmaterialien, die europaweit zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt im Sport genutzt werden können."

Mehr unter:

http://voicesfortruthanddignity.eu/de/